Sommerpause ist ein Wort, bei dem die meisten Fußballfans zusammenzucken oder bei dem Gedanken daran stärker transpirieren als bei eigener Performance auf dem Platz. Dann begibt sich der gemeine Fußballfan in eine Art Sommerschlaf; zumindest, was den aktiven Fußball angeht. Passiv, von der Couch oder Bank im Biergarten aus, nimmt er in der Zeit alles an Fußball mit was kommt: eine WM in Russland, WM der Frauen, U21 EM und Copa America. 

Doch wenn auch auf der Matschscheibe der letzte Ball gespielt ist und auch die letzten Diskussionen um den Videobeweis bedingten Handelfmeter in der Nachspielzeit abgeklungen sind, gibt es keine Ausreden mehr, dem eigenen Mannschaftstraining fern zu bleiben (sämtliche Großmütter und Onkel hatten leider schon in der Rückrunde der vergangenen Saison ihren runden Geburtstag, außerdem ist das Wetter auch noch gut). Die neuen Trends, Taktiken und Spielsysteme der Turniere sind analysiert und sollen auf dem Platz umgesetzt werden: Anfang und Mitte Juli starten nicht nur die Profis in die neue Saison, sondern auch die ambitionierten Amateurmannschaften, oder die, die es sein wollen. Zumindest erinnert daran der Kapitän der Mannschaft, der auch heimlich die Liste zu Geburtstagen und Anzahl von Großeltern jedes Spielers führt.

Aufbruchstimmung bei der „Ersten“

Die mannschaftsinterne WhatsApp Gruppe explodiert bereits mit Nachrichten. Trainingsplan mit Laufeinheiten, neue Trikots, Vorbereitungsspiele und -Turniere, teambildende Maßnahmen wie Kanutouren und Kletterpark. Gefühlt jede zweite Nachricht kommt von dem Typ, der wie jedes Jahr ankündigt, diese Saison voll durchzustarten – klappt auch die ersten beiden Wochen, in denen er täglich Fotos von Läufen und aus dem Fitnessstudio in die Gruppe postet. Der Typ, der sich im letzten Spiel der Saison “irgendwas gezerrt hat”, wo er “schonmal was hatte”, will hingegen erstmal nur Laufschuhe mitbringen. Denn er möchte in der Vorbereitung nichts überstürzen, damit er für die Saison fit ist. Und es gibt den Typen, der wirklich immer da ist: Er erstellt den Trainingsplan mit optionalem gemeinsamen Laufen, zu dem er dann am Donnerstagabend meist allein erscheint. Er ist außerdem Administrator der Gruppe und postet zuverlässig Artikel zu Trainingssteuerung und Youtube Videos der ganz Großen (und so fahrlässig unterschätzten) wie Sergi Busquets, Julian Weigl, Fernandinho oder Jordan Henderson mit dem Kommentar “Jungs! Anschauen! Bei denen könnt ihr wirklich was lernen. Solche Spieler bestimmen die Statik des Spiels, die sind die eigentlichen Spielmacher heute.” Bei Saisonstart sitzt er selbst dann ebenso übermotiviert auf der Bank.

Und wilde Diskussionen im Vereinsheim

Auch die Geschäftsführung will sich in der Sommerpause nicht lumpen lassen, sondern die Zeit nutzen, um den Verein “neu aufzustellen” und endlich all die Projekte umsetzen, die auf der Agenda der letzten Mitgliederversammlung besprochen wurden. Ungünstig, dass diese mit der Weihnachtsfeier zusammenfiel und der karierte DinA-Block, auf dem sie standen, als Bierdeckel und zur Erfassung des Skatspielstands der Ehrenspielführerrunde missbraucht wurde. Der Block hat vermutlich mehr Promille als Kassenwart Werner. Es sind noch fünf der elf Punkte lesbar: “Mitglieder werben, Sponsoren finden, den Rasen restaurieren und einen Satz neue Trikots für die Erste finanzieren” und wenn dann noch Kapazitäten da sind “irgendein cooles Projekt für den Verein starten”. Unter dem letzten Punkt stehen noch Stichwörter wie “Sommercamp” oder “Sommerfest mit Wanderung und Tombola” gekritzelt. Wie jedes Jahr also. “Ist die Liste von 2017, fällt mir gerade auf. Der Klausi hat an Weihnachten nicht beim Skat gewonnen, der war doch bei seinen Enkelkindern in Hamburg”, meint Geschäftsführer Heinz-Wilhelm. 

Die Liste ist ebenso schnell abgehakt: für Trikots und Rasen ist kein Geld da, weil Sponsoren und Mitglieder fehlen. “Hat die Gisela nicht noch die Aufstiegstrikots von 85’ im Keller? Die sollten doch noch gut sein? Haben wir ja damals kaum getragen”, sagt wieder Heinz-Wilhelm, tragende Säule als Rechter Verteidiger der legendären ‘85er Mannschaft (lässt nur ganz selten eine Gelegenheit aus, seine Beteiligung an dem Erfolg zu erwähnen). “Hast DU vielleicht selten getragen” prustet Harald, der Wirt des Vereinsheims, von dem Gros des Vereins, eigentlich in der ganzen Gemeinde nur “Pils” genannt, was den Bestellvorgang am Tresen einfach deutlich beschleunigt. Er erntet Gelächter und Schenkelklopfer in der Runde. 

“Und für den Rasen können wir doch ein bis zwei Arbeitseinsätze organisieren”, schlägt Werner vor. “Stellen noch ein bis zwei, vielleicht drei oder vier, höchstens fünf Kästen Bier für die Malocher hin, dann passt das schon.” Allen ist klar, wo das hinführen soll. Mindestens die Hälfte aller Anekdoten, die man sich auf den Weihnachtsfeiern erzählt, fangen an mit “Eigentlich hatten wir einen Arbeitseinsatz geplant. Für den maroden Rasen, verstehste?” Also nicken sie Werner nur kurz zu und vertrösten das Thema Rasen auf die nächste Sitzung, denn ein schlechter Rasen gehört ja auch zum Heimvorteil in der Kreisliga.

Steht da noch dieses “coole Projekt”. Blöd nur, dass die Vereinswebsite schon voll ist mit tausend ungeordneten Fotos aus diversen Kletterparks aus der Umgebung, von Wanderungen und Sommerfest ganz zu schweigen. Sogar eine Diashow unterlegt mit “An Tagen wie diesen” von den Toten Hosen, existiert. “Naja und so n’ Kletterpark war doch ‘85 schon nicht mehr cool, als ihr das gemacht habt, Heinzi?”, läuft Werner am Tresen schon wieder langsam zu Hochform auf. “Viel kosten sollte es trotzdem nicht, sei denn, ne bekannte Brauerei sponsert das”, ist seine logische Schlussfolgerung. “Ich hab ja unsere Patte im Blick und das sieht im Moment eher nach Bettelorden als nach Tebartz-van-Elst aus, wenn ihr wisst, was ich meine.”

“Wir brauchen aber etwas, das die Gemeinschaft stärkt und auch Frauen und Kinder des Vereins integriert. Können uns nicht bei jeder Veranstaltung einen hinter die Binde kippen. Und ja, viel kosten sollte es wirklich nicht.”

“Heinzi, ohne Geld geht heut’ nix mehr. Sind nicht mehr in den 80ern und seit ‘86 auch nicht mehr in der Bezirksliga. Heut’ ist alles digital, das seh’ ich ja bei meinen Enkeln: In der einen Hand n’ Kaffe Togo und der anderen das Telefon.” 

“Hach, wisst ihr noch wie wir früher zu den großen Turnieren immer diese Klebesticker gesammelt haben und dann in die Alben geklebt. Das machen die Kinder heute doch kaum noch, oder? Wenn es sowas von uns doch gäbe…”, schwelgt Heinzi noch einmal am Pilsglas nippend in seinen jüngeren Jahren. Wenn es das nur gäbe…